Das Effectuation-Fachbuch für die Praxis

Ziele setzen – planen – umsetzen: Das ist kausale Management-Logik, wie sie Manager laut Lehrbuch anwenden sollen. Umfangreiche internationale Forschungen zeigen jedoch: In der Praxis stellen erfolgreiche Unternehmer diese herkömmliche Management-Logik auf den Kopf. Sie beginnen ohne feste Zielvorgaben, lediglich auf der Basis der eigenen Mittel zu handeln. Dabei halten sie das Risiko gering, nutzen Umstände und Zufälle geschickt aus, und setzen auf Allianzen und Partnerschaften. Das ist Effectuation. Das Interessante daran: Gerade in schwer einschätzbaren Situationen, bei Entscheidungen unter Ungewissheit, erzielt Effectuation deutlich bessere Ergebnisse als klassisches Management.

Effectuation ist eine Logik des Denkens und Handelns, die von erfahrenen UnternehmerInnen unbewusst bevorzugt wird. Macht man Effectuation bewusst, wird unternehmerisches Denken und Handeln lernbar.

Prof. Saras Sarasvathy

Effectuation Entdeckerin, University of Virginia

Saras Sarasvathy spricht über die Entdeckung von Effectuation:

Effectuation erklärt

Effectuation beruht auf vier Prinzipien und einem handlungsleitenden Zyklus.

Für ForscherInnen

Mit Effectuation beschreibt die Entrepreneurship-Forschung unternehmerisches Denken und Handeln als lernbare Expertise.

Für PraktikerInnen

Fordert Sie das Ungewisse? Mit Effectuation kommen Sie ins Handeln und bringen Neues in die Welt.

Literaturwegweiser

Dieser Wegweiser führt Sie durch die wissenschaftliche Literatur zu Effectuation.

FAQ

Hier finden Sie Antworten auf häufige Fragen, wie sie zum Beispiel Journalisten zu Effectuation stellen.

Effectuation erklärt in 30 Sekunden

Effectuation ist der wissenschaftliche Begriff für all das, was wir über das Denken, Entscheiden und Handeln erfolgreicher Unternehmer wissen. Effectuation steht für sehr praktische Faustregeln zum Loslegen, Risiko begrenzen, Partnerschaften aushandeln und mit dem Zufall kooperieren. Gründerinnen, die Effectuation anwenden, verbringen weniger Zeit am Schreibtisch und kommen rasch ins Handeln. Sie tun oft das Gegenteil dessen, was im klassischen Gründerleitfaden steht und fahren gut damit.

Gibt es einfache Beispiele für Effectuation-Gründungen?

Ja, wirklich viele. Zum Beispiel die Gründergeschichte von Felix und Thomas, zwei begeisterten Outdoor-Menschen: Die beiden haben sich 2009 auf einem Skilehrer-Austausch in Japan aus Langeweile zeigen lassen, wie man eine Mütze häkelt. Das hat ihnen bald wirklich Spaß gemacht, und sie haben dann ihre selbst gehäkelten Mützen bei all ihren Outdoor-Aktivitäten getragen. Als sie dann beide immer wieder auch von Fremden auf ihre Mützen angesprochen worden sind, kam ihnen der Gedanke, ein Geschäft rund um Häkelmützen aufzubauen. Heute kann man sich auf www.myboshi.net seinen eigenen Boshi (japanisch für Mütze) konfigurieren, der dann von Menschen aus dem Netzwerk von Felix und Thomas in Oberfranken in Heimarbeit gehäkelt wird. Ein gutes Beispiel für „Zu kochen beginnen mit dem, was ich im eignen Kühlschrank habe.“

Welche Rolle spielt die Idee für ein Vorhaben?

Die brillante und todsichere Idee ist wohl ein Mythos. Wer nach Effectuation an sein Vorhaben / seine Gründung herangeht, braucht nicht unbedingt eine gute Idee, sondern zunächst nur einen Anlass zum Handeln. Man kann mit noch vagen Ideen loslegen und diese exponieren, etwa gegenüber potenziellen Kundinnen oder Partnern. Meine Idee wird in dem Maße besser, in dem es mir gelingt, andere ins Boot zu holen. „Ins Boot holen“ ist etwas anderes als einfach nur Feedback für eine Idee zu sammeln. Es geht nicht um Meinungen á la „Facebook-Likes“, sondern darum, ob andere bereit sind, ihre Mittel (Zeit, Informationen, Netzwerk, Geld, …) in das Vorhaben einzubringen. Gute Ideen sind also oft nicht der Ausgangspunkt eines erfolgreichen Geschäfts, sondern das Ergebnis eines Prozesses der Co-Kreation.

Muss man Visionär sein, um unternehmerisch zu handeln?

Die wenigsten erfolgreichen Unternehmer sind Visionäre. Die eigentliche Schlüsselqualifikation entspricht eher dem Bild eines kreativen Tüftlers. Sie gehen das Machbare an, anstatt sich lange mit Analysen und Prognosen aufzuhalten. Erfahrene Unternehmer sind mit dieser Methode Experten für neue Wege unter turbulenten Bedingungen. Sie kochen dabei mit dem, was bereits im eigenen Kühlschrank ist, ohne feste Zielvorgaben. Sie begrenzen das Risiko, nutzen Umstände und Zufälle und kreieren die Zukunft gemeinsam mit anderen.

Was zeichnet die typische Unternehmerin aus?

Unternehmerisches Handeln kann jeder lernen. Die Frage ist daher nicht „Welche Typen sind Unternehmertypen?“ sondern „Welche Art von Unternehmer kann jemand auf Grund dessen, wer er ist, was er weiß und wen er kennt, werden?“. Die Optimisten erfinden dann beispielsweise das Flugzeug, während die Pessimisten den Fallschirm auf den Markt bringen.

Was tue ich, wenn ich nach Effectuation vorgehe?

Wenn Sie nach Effectuation vorgehen, dann handeln Sie auf Basis dessen, was ihnen zur Verfügung steht, holen andere früh ins Boot und handeln in kleinen Schritten aus, was zuvor nicht denkbar – geschweige denn planbar – war. Dabei achten Sie auf Überraschungen am Weg. In Zufällen – und mitunter Unfällen – stecken Hinweise für das weitere Vorgehen.

Was unterscheidet Effectuation von Management?

Kausale Management-Logik folgt dem Muster „Ziele setzen, planen, umsetzen“. Das setzt aber voraus, dass ich die Zukunft überhaupt planen kann. Unternehmerinnen starten jedoch oft bei Fragen, bei denen „sitzen und nachdenken“ nichts bringen: Was kann ich mit dem tun, was ich mag, weiß und kann? Wie kann ich einen Beitrag in einer Gesellschaft im Umbruch leisten? Wie kann ich selbständig tätig sein, ohne Kopf und Kragen zu riskieren? Während man im Management davon ausgeht, dass ich meine Zukunft nur dann unter Kontrolle habe, wenn ich vorhersehen und planen kann, stellt Effectuation diesen Zusammenhang auf den Kopf: Alles, was ich selbst formen, gestalten, beeinflussen kann, brauche ich nicht vorherzusagen oder detailliert zu planen.

Wann lohnt sich Effectuation?

Immer dann, wenn planen schwer möglich ist: wenn sich die Randbedingungen dauernd ändern, die Richtung noch verhandelbar ist und keiner genau sagen kann, was am besten zu tun wäre. Das ist bei Gründung der Fall. Das weite Feld der Innovation und der Produkt- und DL-Entwicklung sind ebenfalls „Zirkel der Unsicherheiten“. Aber auch wenn Unternehmen neue Geschäftsfelder oder Geschäftsmodelle erschließen oder die Ungewissheit in Form von organisatorischen Veränderungen im Haus ist, leistet Effectuation ausgezeichnete Dienste.

Wann sollte man nicht nach Effectuation vorgehen?

Wenn keiner weiß, wohin, dann ist Effectuation besonders wirkungsvoll. Man kann beginnen, auf Basis des Verfügbaren zu handeln und in kleinen leistbaren Schritten loszulegen, auch wenn die Ziele noch nicht fix sind und die verfügbaren Informationen keine klare Richtung weisen. Das ist etwa für Gründer am Anfang fast immer der Fall. Linear-kausales Vorgehen á la Businessplan macht dann Sinn, wenn ich etwas funktionierendes inkrementell verbessern oder skalieren möchte. Das bedeutet, wenn ich bereits eine gute Planungsbasis habe, dann sollte ich diese auch nutzen!

Welches organisatorische Umfeld braucht Effectuation?

Zunächst das Verständnis dafür, in welchen Fällen ein planendes, vorhersagendes Vorgehen Grenzen hat. Dort gilt es dann, Räume aufzumachen, in denen Experimentieren und elegant und früh Scheitern zur Tugend wird. Effectuation gedeiht beispielsweise gut, wenn Führungskräfte dazu ermutigen, Dinge auf kleiner Flamme auszuprobieren und das gerade Machbare anzugehen, anstatt nach dem „allerbesten Plan“ zu fragen. Dazu muss man nicht die ganze Organisation umbauen – Effectuation kann man auch auf klar abgegrenzte Vorhaben oder Themen anwenden.

Ist Effectuation relevant für Klein- und Mittelbetriebe?

Klein- und Mittelbetrieben liegt diese Handlungsweise sehr nahe. Sie wissen intuitiv, dass große Planungsfantasien für sie mitunter tödlich sein können.

Ist Effectuation relevant für große/reife Organisationen?

Wenn Organisationen reifen, dann führen sie Management-Strukturen ein und verlernen vieles von dem, was sie reif bzw. erfolgreich gemacht hat. Um in dynamischen Umfeldern zu gedeihen, sollten sie mitunter wieder „unternehmerisch wie ein Startup“ sein. Effectuation in reifen / großen Organisationen belebt das Unternehmerische im Unternehmen. Eine Reihe großer Organisationen beschäftigt sich daher aktiv mit unternehmerischer Expertise. Unter ihnen finden wir Industrieunternehmen wie 3M, Dienstleister wie die Deutsche Post/DHL, NGOs wie die GIZ … und auch die katholische Kirche hat Effectuation für sich entdeckt.

Was behindert unternehmerisches Handeln in Organisationen?

Firmen haben eine Vorhersageneigung, die man immer wieder hinterfragen muss. Auch Entscheidungs-Hierarchien behindern Effectuation. Unter Ungewissheit kann man noch nicht sagen, was eine gute Idee ist, weil sich dies erst im Prozess herausstellen wird. Man braucht also Settings, die die Ideen unterstützen, die Aufmerksamkeit und das Engagement der handelnden Akteure binden können, und die sich mit leistbaren Einsetzen entwickeln lassen.

Extreme Arbeitsteiligkeit und starre Prozesse behindern Effectuation ebenfalls. Daher ist es hilfreich abteilungs-, bereichs- und firmenübergreifende Zusammenarbeit zu fördern und auf zu starre Anweisungen zu verzichten, was wie von wem zu machen ist.

Ein wesentliches Hindernis ist oft auch die Fehlerkultur eines Unternehmens. Wenn Fehler bestraft oder geächtet werden, dann führt das dazu, dass niemand mehr bereit ist, einfach etwas auszuprobieren. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Scheitern als wichtiger Teil des Prozesses akzeptiert ist und es sogar als Erfolg gilt, elegant (=früh und kostenarm) zu scheitern.

Was bedeutet Effectuation für die persönliche Karriereentwicklung?

Viele Menschen entdecken Elemente von Effectuation in ihrer eigenen Laufbahn wieder. Wer kann von sich schon sagen, dass das, was sie oder ihn heute ausmacht das Ergebnis von Zielen ist? Hat man das Muster erst einmal erkannt, dann kann man es auch willentlich anwenden, Ziele flexibel halten und günstige Gelegenheiten am Weg ergreifen. Daher wird Effectuation heute auch in der Arbeitssuche und in der Karriereentwicklung angewandt. Aus „was kann und möchte ich tun?“ wir dabei die Frage „was noch kann ich mit dem wer ich bin, was ich weiß und wen ich kenne tun?“

Welchen Mehrwert stiftet Effectuation für Berater?

Berater können mit Effectuation ihren Methodenkoffer in das Feld ungewissheitsbehafteter Projekte erweitern. In der Praxis ist es dabei häufig gar nicht nötig, beim Klienten auf die Herkunft oder die Mechanismen der Methodik einzugehen. Erfahrungen aus dem Kreis unserer Effectuation Experts zeigen wie der Einsatz von Effectuation-Tools in solchen Projekten schnell zu Ergebnissen führen kann. Häufig besteht der Mehrwert vor allem in einem offenen und proaktiven Umgang mit der Ungewissheit.

Wo kann man Effectuation lernen?

Effectuation ist in der Zwischenzeit Gegenstand einer Vielzahl von Publikationen, die es ermöglichen, erste Eindrücke zu vertiefen und sich Grundprinzipien, Beispiele und Tools anzueignen. Darüber hinaus werden im deutsch-sprachigen Raum immer wieder Workshops angeboten. Das umfangreichste Format stellt das Effectuation Expert Curriculum dar, das von Effectuation Intelligence durchgeführt wird und sich über 5×3 Tage erstreckt.

Auf welche Fragen kann man Effectuation anwenden?

Vom Grundsatz her geht es immer um Fragestellungen, die mit Ungewissheit behaftet sind. Dazu können Innovationsprojekte, Gründungsvorhaben, Change-Projekte oder auch die persönliche Karriereentwicklung zählen.

Wem nützt Effectuation?

Derjenigen, die konstruktiv  und handlungsbasiert mit Ungewissheit umgehen will. Demjenigen, der mit Nachforschungen und Planen nicht weitergekommen ist. Derjenigen, die ein Projekt unternehmerisch angehen will. Allen, die vor allem TUN wollen.

Wird Effectuation an Hochschulen gelehrt?

Effectuation wird an immer mehr Hochschulen und Universitäten gelehrt. Es ist zumeist Bestandteil betriebswirtschaftlicher Ausbildung und dort vor allem in der Vertiefung Entrepreneurship und Gründungsmanagement anzutreffen.

Was bedeutet Effectuation für die Gründerbegleitung?

In der Gründungsförderung spielt Effectuation neben anderen aktuellen Themen wie Geschäftsmodell-Design und Business Planning als wichtige Ergänzung vor allem für die Frühphasen einer Gründung eine zunehmend wichtige Rolle. Viele Förderinstitutionen integrieren die Methode in der Zwischenzeit in ihre Workshopformate.

Warum Effectuation?

Globale Forschung

15 Jahre Forschungsgeschichte, mehr als 120 Studien und 10 Bücher in 5 Sprachen machen Effectuation zur aktuell heißesten Strömung in der Entrepreneurship-Forschung und -Praxis rund um den Globus.

Universelle Methode

Keine graue Theorie: Effectuation ist eine lernbare Methode, die auf unterschiedlichste Situationen und Kontexte der Ungewissheit angewandt werden kann. Effectuation macht handlungsfähig, wenn „sitzen-und-denken“ nicht funktioniert.

 

Aktive Community

Die laufende Weiterentwicklung des Themas betreiben wir in Kooperation mit der Society for Effectual Action, einer globalen Online-Community von über tausend ForscherInnen und DozentInnen unternehmerischer Expertise.

 

Aktuell in den Medien

Effectuation ist Thema aktuelle Cover-Stories in Impulse Wissen (Die Macht des Zufalls), im Inc Magazin (Inside the mind of great entrepreneurs) und Beiträgen in Handelsblatt, managerSeminare und ZeitschriftOrganisationsentwicklung.