Menschen in unterschiedlichsten Handlungsfeldern müssen immer öfter unter Ungewissheit entscheiden und handeln. Doch wie kann man entschlossen Neues in die Welt bringen, wenn die Zukunft ungewiss ist, die Ziele noch verhandelbar sind und die verfügbaren Informationen in alle Richtungen weisen?

Effectuation ist das Ergebnis aufwändiger Feldforschung zu den Denkgewohnheiten erfahrener und erfolgreicher UnternehmerInnen – den ExpertInnen für Situationen der Ungewissheit. Deren Denk- und Entscheidungsgewohnheiten weisen verblüffende Gemeinsamkeiten auf und stellen unser gewohntes kausales Denken auf den Kopf.

Was die Sache für PraktikerInnen unterschiedlicher Handlungsfelder so interessant macht: Effectuation ist lern- und lehrbar und führt unter Ungewissheit gleichzeitig zu weniger Risiko und besseren Ergebnissen. Unternehmerisches Denken und Handeln hat also Methode.

Effectuation Prinzipien

  1. Mittelorientierung: Beginnen Sie bei den vorhandenen Mitteln – wer Sie sind, was Sie wissen und wen Sie kennen – nicht bei „mythischen Zielen“.
  2. Leistbarer Verlust: Orientieren Sie Ihren Einsatz daran, was Sie zu verlieren bereit sind  – und nicht am erwarteten Ertrag.
  3. Umstände und Zufälle: Nutzen Sie Umstände, Zufälle und Unvorhergesehenes als Gelegenheit, anstatt sich dagegen abzugrenzen.
  4. Vereinbarungen und Partnerschaften: Treffen Sie Vereinbarungen und bilden Sie Partnerschaften mit denen, die mitzumachen bereit sind, anstatt sich abzugrenzen oder nach den „richtigen“ Partnern zu suchen.

Praxis Aktuell

Artikel: Projekte im Ungewissen meistern

Die VUCA-Welt fordert von Mitarbeitern unternehmerisches Denken und Handeln, Projekte gelten als „Unternehmen auf Zeit“. Effectuation liefert als eigenständige Entscheidungslogik die passenden Methoden und Strategien, mit denen sich hochmotivierte Projektteams bilden, die Vorhaben umgehend vorantreiben. Dr. Eric Heinen-Konschak und Bettina Brendle haben den Ansatz in der IT der GIZ eingeführt und berichten in einem 2-teiligen Artikel im Projektmagazin von ihren Erfahrungen.

5. Globale Effectuation-Konferenz, 30.7.-3.8.2017

Unter dem Motto „Bringing Effectuation home to Darden“ findet die 5. Globale Effectuation-Konferenz diesmal in den USA statt. Den Auftakt macht eine Veranstaltung zu sozialem Unternehmertum (30.-31.7.2017) in Blatimore, MD. Vor dem traditionellen Konferenz-Format in Charlottesville, VA, (2.-3.8.2017) ist ebendort am 1.8.2017 ein Effectuation-Informationstag geplant.

Interview Kilian Kleinschmidt: Unternehmerische Lösungen für humanitäre Probleme

„Jetzt finden die Idee alle geil. Durch Medienberichte über das Lager Zaatari sind Flüchtlingsstädte in aller Munde. Wissenschaftler, Architekten, Städteplaner und viele andere Professionen nehmen sich des Themas an.“ Kilian Kleinschmidt, einst „Bürgermeister“ von Zaatari, dem größten Flüchtlingslager im Nahen Osten, ist jedoch bereits einige Schritte weiter.

Podcast: Auf der Welle des Ungewissen reiten

Georg Jocham (Podcast „Abenteuer Problemlösen“) im Gespräch mit Michael Faschingbauer über Effectuation. „In meinen Podcast habe ich ihn eingeladen, weil Effectuation einerseits ein methodischer Zugang zur Lösung von Problemen ist, und damit genau das Kernthema des Podcasts trifft. Andererseits weil Effectuation den besonderen Anforderungen unserer Zeit, Probleme lösen und Entscheidungen treffen bei immer größerer Komplexität und immer größerer Unsicherheit nach meiner Einschätzung besser gerecht wird als andere Ansätze.“

Migration und Effectuation: Die Hamburger Initiative für praktische Integration

(Gastbeitrag Merle Runge) Was kann die Zivilgesellschaft hier in Mitteleuropa beitragen, angesichts der vielen Menschen auf der Flucht. Enden unsere Möglichkeiten tatsächlich bei Sach- und Geldspenden? Merle Runge blickt vor einem Jahr auf ihre Mittel und ging ins unternehmerische Gestalten. in diesem Beitrag über die Hamburger Initiative für praktische Integration (HIPI) erzählt sie, was daraus geworden ist.

Fordert Sie das Ungewisse?

Wie an Probleme herangehen, für die es keinen Präzedenzfall gibt? Was tun, wenn die Märkte tun, was sie wollen? Wie vorgehen, wenn Analysieren und Nachdenken keine guten Lösungen bringt? Wovon in einer Zukunft leben, die wir kaum prognostizieren können? Wie innovieren, ohne Kopf und Kragen zu riskieren? Woran orientieren, wenn keiner weiß, wohin? Früher setzten sich vor allem Unternehmer mit solchen Fragen auseinander. Heute sind es auch Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Privatpersonen gleichermaßen.

Zwei erfolgreiche Methoden

Zukunftsgestaltung folgt meistens dem Muster „Ziele setzen, planen, umsetzen“. Das hat seinen Sinn und sorgt dafür, dass wir in der Hektik des Tagesgeschäfts „auf Kurs“ bleiben. Das ist kausale Management-Logik, die beste Methode die wir haben, um unter planbaren Bedingungen (z.B. in bekannten Märkten mit bestehenden Produkten und Dienstleistungen) zu reüssieren. Problematisch wird das erst, wenn guter Planung die Informationsbasis fehlt, die Umstände sich laufend ändern und die Ziele von gestern schon heute alt aussehen. Wer unter ungewissen Bedingungen noch erfolgreich agieren möchte, braucht andere Methoden.

Sucht man nach Rollenvorbildern für die Navigation unbekannter und turbulenter Gewässer, wird man bei erfahrenen Unternehmern fündig. Wer im Laufe seiner Lebens mehrere Unternehmen gegründet, dabei auch Scheiter-Erfahrungen macht, jedoch unterm Strich erfolgreich bleibt, entwickelt eine eigene Form der Expertise.

Die Entrepreneurship-Forschung der letzten 15 Jahre nennt diese  Expertise „Effectuation“: Denk und Handlungsmuster,  die sich deutlich von dem unterscheiden, was im klassischen Management als professionell gilt. Das spannende für Praktikerinnen: Aus unternehmerischer Effectuation lassen sich klare Handlungsanweisungen für komplexe, dynamische und ungewisse Situationen im unternehmerischen aber auch privaten Alltag ableiten. Unternehmerisch agieren wird zur Methode, nach der man nicht nur unternehmen gründen, sondern auch führen, innovieren, Teams und Organisationen entwickeln, seine Karriere gestalten und Zukunftsvorhaben erschließen kann.

Zwei Arten zu denken

In einem Selbstversuch in der Küche kann man lernen, nach Effectuation unternehmerisch zu handeln. Anstatt (wie im Management) eine Speise auszuwählen und diese nach Rezept zuzubereiten, startet man bei dem, was direkt zur Verfügung steht: Kühlschrank und Vorratskammer sichten und nach eigenen Vorlieben und vorhandenen Fähigkeiten loslegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei etwas Neues entsteht, ist wesentlich größer als beim Kochen nach Rezept.

Eine lernbare Methode für unternehmerisches Denken und Handeln nützt uns nicht nur in der Küche. Sie sollte auch nicht nur denen vorbehalten sein, die neue Produkte, Dienstleistungen und Firmen kreieren wollen. Sie kann uns vielmehr dazu befähigen, all die Fragen anzugehen, für die Sitzen und Nachdenken am grünen Tisch keine befriedigenden Ergebnisse bringt. Und das, ohne die Mythen von Unternehmern als risikofreudige Visionäre, Künstler, Talent oder Genie bemühen zu müssen.

Kein Ersatz für die bewährte Methode

Die Versuchung ist groß, Effectuation als Ersatz oder Konkurrenz für kausale Management-Logik zu betrachten. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht um eine ergänzende Methode, die besonders am Beginn von Vorhaben ihre Stärken hat. Effectuation lebt vom Handeln zum Abbau von Ungewissheit. Je mehr Gewissheiten man durch Tun und Vereinbaren gewonnen hat, desto sinnvoller wird es, auf die klassische Methode „Ziele setzen – planen – umsetzen“ überzugehen.

10 Tipps für Gestalter

Die Zukunft ist ungewiss, das Umfeld in Bewegung und die Ziele sind noch nicht fix vorgegeben. Wie können Sie trotzdem beherzt handeln und Neuland betreten?

1.       Starten Sie bei vorhandenen Mitteln.
Wer Sie sind, was Sie wissen und wen Sie kennen sind wesentliche Zutaten für Ihr Vorhaben. Welche Handlungsoptionen tauchen vor Ihrem geistigen Auge auf, wenn Sie von dem ausgehen, was in Ihrem Wirkungsfeld unmittelbar zur Verfügung steht?

2.       Halten Sie Ziele und Pläne flexibel.
Wenn Sie die Zukunft nicht exakt vorhersehen können, hat es keinen Sinn, exakte Ziele zu formulieren. Sie können mit mehreren vagen  Zielen starten. Die attraktivsten Ziele tauchen oft unterwegs auf: Erst dann ist es zweckmäßig, sich festzulegen.

3.       Legen Sie den leistbaren Verlust fest.
So sehr Sie sich auch anstrengen: In unbekannten Gewässern gibt es keinen gesicherten Return on Investment. Legen Sie stattdessen fest, was Sie im nächsten Schritt an Zeit, Energie, Geld, wertvollen Informationen  oder eigener Reputation aufs Spiel setzen – ohne dabei Kopf und Kragen zu riskieren.

4.       Handeln Sie – jetzt.
Ob Sie Ihre Vorhaben genau planen können oder nicht: Nichts ersetzt das Handeln. Neuland muss man in kleinen und leistbaren Schritten betreten, um es erschließen und gestalten zu können.

5.       Exponieren Sie Ihre Ideen.
Sie wollen gemeinsam mit anderen etwas Neues und Wertvolles schaffen? Dazu müssen Sie andere an Ihren Überlegungen teilhaben lassen. Legen Sie Ihre  noch vagen Vorhaben gegenüber potenziellen Partnern im Unternehmen und darüber hinaus offen, damit sich diese einbringen können.

6.       Lassen Sie sich von anderen beeinflussen.
Kreative neue Wege entstehen oft nicht in, sondern zwischen den Köpfen. Kombinieren Sie die Überlegungen derer, die etwas zu Ihrem Vorhaben beitragen können und wollen, mit Ihren eigenen Überlegungen.

7.       Gehen Sie verbindliche Vereinbarungen ein.
Ihr Vorhaben gewinnt dann Fahrt und Richtung, wenn Sie frühzeitig fixe Zusagen von denen einholen, die Mittel einbringen. Auch erste gemeinsame Teil-Ziele können Sie frühzeitig aushandeln.

8.       Bauen Sie auf den Zufall.
Achten Sie auf Überraschungen am Weg. In den Zufällen und mitunter Unfällen stecken Hinweise für das weitere Vorgehen. Es gebe heute keine Post-Ist, hätte 3M eine missglückte Kleberentwicklung eingestellt, weil der Kleber nur haftete.

9.       Denken Sie „Markt“ statt „Hierarchie“.
In Hierarchien geht es darum, wenige Entscheider von Ihren Vorhaben zu überzeugen. Am Markt geht es darum, diejenigen zu finden und zu binden, die Ihre Vorhaben unterstützen und letztlich „kaufen“.

10. Nehmen Sie das Ruder in die Hand.
Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie steuern können: Ihre Mittel, den leistbaren Einsatz, die Vereinbarungen die Sie eingehen. Alles was Sie steuern können, brauchen Sie nicht zu prognostizieren.