Effectuation – Was ist das?
Menschen in unterschiedlichsten Handlungsfeldern müssen immer öfter unter Ungewissheit unternehmerisch entscheiden und handeln. Doch wie kann man entschlossen Neues in die Welt bringen, wenn die Zukunft ungewiss ist, Ziele nicht fix vorgegeben sind und die Umwelt durch viele Akteure gleichzeitig gestaltet wird?
Effectuation ist das Ergebnis aufwändiger Feldforschung zu den Denkgewohnheiten erfahrener und erfolgreicher Unternehmer – den Experten für Situationen der Ungewissheit. Deren Denk- und Entscheidungsgewohnheiten weisen (unabhängig von Branche, Alter, Nationalität, …) Gemeinsamkeiten auf, die unser gewohntes kausales Denken auf den Kopf stellen. Laut aktuellen Erkenntnissen der Entrepreneurship-Forschung ist Effectuation eine eigenständige Logik für schwer einschätzbare, jedoch gestaltbare Bedingungen.
Was die Sache für Praktiker unterschiedlicher Handlungsfelder so interessant macht: Effectuation ist lern- und lehrbar und führt unter Ungewissheit gleichzeitig zu weniger Risiko und besseren Ergebnissen.
Effectuation …
... ist eine Art unternehmerisch zu denken und zu handeln
... beruht auf brandaktuellen Erkenntnissen der globalen Entrepreneurship-Forschung
... wird von erfahrenen Unternehmern intuitiv bevorzugt eingesetzt
... eignet sich besonders für Situationen der Ungewissheit
... verzichtet auf Vorhersagen und setzt stattdessen auf Steuerung
... stellt unsere gewohnte, kausale Logik auf den Kopf
... ist lern- und lehrbar und lässt sich auf viele Handlungsfelder übertragen
... beruht auf einem einem dynamischen Prozess und handlungsleitenden Prinzipien
... stellt vieles in Frage, was klassische Wirtschaftslehrbüchern lehren
Effectuation wurde von Prof. Saras D. Saravathy (University of Virginia) „entdeckt“ und wird seitdem von einer wachsenden Anzahl von Forschern wissenschaftlich untersucht.
Effectuation Anwendungsfelder
- Enterperneurship / Unternehmensgründung und –entwicklung
- Innovation
- Führung und Management
- Unternehmensführung
- Produkt- und Dienstleistungsentwicklung
- Projektmanagement
- Forschung
- Karriereentwicklung und arbeitsmarktpolitische Fragestellungen
- Politik und Regionalentwicklung
- Bearbeitung komplexer Probleme
- Non-Profit-Sektor und soziales Unternehmertum
- Selbstmanagement
- Und, und, und …
Effectuation praktisch nutzen ermöglicht, …
... unternehmerische Gelegenheiten aktiv zu entwickeln statt zu suchen
... ohne fixe Ziele oder verlässlich Landkarten sicher zu navigieren
... Win-Win-Partnerschaften und Allianzen zu erschließen
... Risikoarme Entscheidungen zu treffen
... Ungewissheit systematisch zu reduzieren
... Unvorhergesehenes und gegebene Randbedingungen in Gelegenheiten zu verwandeln
... ohne verlässliche Prognosen handlungsfähig zu werden
... Neues ohne brillante Idee oder fixen Plan in die Welt zu bringen
Etwas Theorie gefällig?
Die Grundzüge von Effectuation lassen sich am besten in Abgrenzung zu klassischer, kausaler Logik beschreiben: Kausale Logik basiert auf Prognosen der Zukunft, d.h. auf der Annahme, dass wir nur das steuern können, was wir vorhersagen können. Effectuation geht hingegen davon aus, dass, wenn wir bestimmte Elemente der ungewissen Zukunft steuernd beeinflussen, wir uns nicht um Vorhersagen kümmern müssen. Die Zukunft im Sinne von Effectuation ist nicht vorhersehbar, jedoch durch menschliches Handeln gestaltbar.
Effectuation in Metaphern
Effectuation lässt sich gut in Metaphern aus dem Alltag beschreiben – zum Beispiel über das Zubereiten eines Essens: Kausal vorgehend würde man mit der Auswahl dessen beginnen, was schlussendlich am Tisch stehen soll. Nach dem gewählten Rezept stellt man dann eine Einkaufsliste zusammen, besorgt die Zutaten und bereitet das Essen nach dem Rezept zu. Nach Effectuation führt der erste Weg in die Küche. Die primäre Frage ist: Welche möglichen Essen kann ich mit allem was ich im Kühlschrank und den Schränken finde zubereiten. Beide Varianten können – im Rahmen dessen, wer der Koch ist und was dieser weiß und kann – zu ausgezeichneten Gerichten führen. In der zweiten Variante ist die Chance jedoch wesentlich größer, dass etwas Originäres und Neues entsteht.
Auch wenn eine Künstlerin ein Theaterstück schaffen möchte, kann sie kausal von einem fixen Ziel ausgehen: beispielsweise Hamlet aufzuführen. Sie kann dann Shakespeare lesen, die Charakter mit Schauspielern besetzen, das Stück erarbeiten, einen Aufführungsort suchen usw.. Ebenso könnte die Künstlerin nach Effectuation vorgehen und von dem ausgehen, wer sie ist (Identität, Charakter, Vorlieben, Abneigungen, …), was sie kann und weiß und vor allem auch wen sie kennt. In Gesprächen mit potentiellen Mitstreitern handelt sie Vereinbarungen über das weitere Vorgehen aus. Je nachdem wer einsteigt und etwas einbringt ändern sich die Möglichkeiten und die Ziele. Aus der Ausgangs-Idee eines Bühnenstücks wird vielleicht eine Performance, ein Musical, ein Varieté oder gar ein Zirkus. Vielleicht kommen Personen aus ganz anderen Sparten an Bord, sodass aus dem Vorhaben plötzlich ein Unternehmenstheater wird. Oder es entsteht eine Bildungsoffensive unter Einsatz von Elementen aus der darstellenden Kunst mit aktiver Unterstützung von Stakeholdern aus Politik, öffentlichen Institutionen, usw.
Beim Vorgehen nach Effectuation gilt: Die vorhanden Mittel bestimmen die möglichen Ziele und wer bereit ist, unter Ungewissheit etwas einzubringen und verbindliche Vereinbarungen einzugehen, bestimmt die Richtung mit.
Effectuation in handlungsleitenden Prinzipien
Prinzip der Mittelorientierung: Beginnen Sie bei wer Sie sind, was Sie wissen und wen Sie kennen – nicht bei „mythischen Zielen“.
Prinzip des leistbaren Verlusts: Orientieren Sie Ihren Einsatz am leistbaren Verlust
– und nicht am erwarteten Ertrag.
Prinzip der Umstände und Zufälle: Nutzen Sie Umstände, Zufälle und Ungeplantes als Gelegenheiten, anstatt sich dagegen abzugrenzen.
Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften: Treffen Sie Vereinbarungen und bilden Sie Partnerschaften mit denen, die mitzumachen bereit sind, anstatt sich abzugrenzen oder nach den „richtigen“ Partnern zu suchen.
Prinzip der Mittelorientierung
Kausales Vorgehen beruht auf Zielorientierung: Es beginnt bei der Auswahl eines bestimmten Ziels oder Ergebnisses, das erreicht werden soll. Danach werden Pläne gemacht und geeignete Mittel erschlossen, um genau dieses Ziel oder Ergebnis zu erreichen.
Effectuation beruht hingegen auf Mittelorientierung: Man erhebt die aktuell verfügbaren Mitteln und fokussiert auf die Erschließung von Ergebnissen, die sich mit den vorhandenen Mitteln erzielen lassen. Dem Machbaren wird der Vorzug gegenüber dem Erträumten gegeben.
Den Unterschied zwischen kausaler Zielorientierung und Mittelorientierung nach Effectuation zeigt die folgende Graphik.

Abb1: Zusammenhang zwischen Mitteln und Zielen nach kausaler Logik und Effectuation (nach Sarasvathy 2008)
Nahezu das erste, was erfahrene Unternehmer in Angriff nehmen, um aus ihren Mittel neue Ziele zu generieren, ist die Interaktion mit potentiellen Stakeholdern: Sie erdenken die Zukunft nicht alleine sondern beziehen von Anfang an andere in deren Co-Kreation ein.
Effectuation als dynamisches Modell
Wie kann man nun die Erkenntnisse aus der Effectuation-Forschung praktisch anwenden? Wo ist Feld 1 beim Kreieren eines Produkts, Unternehmens, Projekts oder eines anderen Vorhabens unter Ungewissheit? Wann, wie und mit wem sollte man sprechen? Welche verbindlichen Vereinbarung sollte man eingehen oder meiden? Was wenn unterwegs neue Mittel oder Ziele auftauchen? Wie sieht der Prozess aus, wenn man Innovationen, Märkte, Produkte, Dienstleistungen etc. mittels Effectuation erschaffen möchte? Das dynamische Modell von Effectuation gibt dazu Aufschluss:

Abb.2: Dynamisches Modell der Effectuation (nach Sarasvathy & Dew 2005)
Ob am Anfang des Effectuation-Prozesses eine erkannte Gelegenheit oder eine brillante Geschäftsidee steht, ist sekundär. Der Ausgangspunkt sind die handelnden Akteuren, ihrer Identität, ihrem Wissen und Können und ihr soziales Netzwerk. Auf dieser Basis wird, im Rahmen dessen was für die Akteure leistbar ist und attraktiv erscheint, gehandelt. Am wichtigsten für die Beantwortung der Frage "Was kann ich tun?" ist das soziale Netzwerk, also Menschen die man kennt oder denen man im erkundenden Handeln begegnet. In Serien von Gesprächen werden verbindliche Vereinbarungen mit anderen ausgehandelt. Im Sinne von Effectuation geht es nicht darum, die "richtigen Partnern" zu finden, um diesen seine eigene Ideen und Visionen zu verkaufen. Effectuation beruht vielmehr darauf, verbindliche Vereinbarungen mit denen einzugehen, die neue Mittel und Zielvorstellungen einbringen können und wollen. Mit anderen Worten: Wer immer an Board kommt und etwas zum Vorhaben beiträgt, bestimmt mit, welche Richtung das Vorhaben einschlägt.
Durch das eingehen von verbindlichen Vereinbarungen mit anderen werden zwei einander entgegenwirkende Kreisläufe in Gang gesetzt:
Der erste Kreislauf betrifft die zur Verfügung stehenden Ressourcen: die Mittel, auf Basis derer gehandelt werden kann. Wenn andere für eine gemeinsame Unternehmung eigene Mittel fix zusagen, entstehen mitunter völlig neue Voraussetzungen für das weitere Vorgehen. Mit dem expandieren der Mitteln im Effectuation-Netzwerk erweitern sich also die Handlungsmöglichkeiten und die Komplexität nimmt zu.
Der zweite Kreislauf betrifft die Richtung eines Vorhabens und die Grenzen der Handlungsfreiheit. Diese werden durch Vereinbarungen mit anderen sukzessive deutlicher und konvergieren schlussendlich in ganz bestimmten Zielen. Der zunächst planlos und offen wirkende Prozess führt somit kontinuierlich zur Entstehung von konkreten Artefakten wie zum Beispiel neuen Produkten, Dienstleistungen, Firmen und Märkten. Ungewissheit wird abgebaut und die Nutzung kausaler Pläne wird zunehmend sinnvoller.
Der Nutzen des Modells in den Worten führender Entrepreneurship-Forscher: Die Effectuation-Logik im Herzen dieses inter-subjektiven Prozesses ist empirisch beobachtbar, theoretisch plausibel und präskriptiv nutzbar (Sarasvathy & Dew 2005). Das Modell zeigt Akteuren, wie sie unter Ungewissheit professionell handeln können.
Noch mehr Theorie gefällig?
Mehr über Hintergründe und Theorie zu Effectuation finden Sie auf unserer Partnerseite Effectuation Forschung unter www.effectuation.de und auf der US-Forschungsseite www.effectuation.org
Literatur:
Sarasvathy, S. (2008). Effectuation: Elements of entrepreneurial expertise. UK: Edward Elgar.
Sarasvathy, S., & Dew, N. (2005). New market creation through transformation. Journal of Evolutionary Economics , 15, S. 533-565.



